Mit der Bodybag zum Public Viewing – Denglisch für Profis

Scheinanglizismen in der deutschen Sprache...

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Natürliche Sprachen entwickeln sich im Lauf der Zeit ständig weiter – Wörter ändern ihre Bedeutung, manche geraten in Vergessenheit, andere kommen neu hinzu oder tauchen irgendwann unvermittelt wieder auf.

Besonders sichtbar wird das, wenn sich Sprachen gegenseitig beeinflussen: Was das Deutsche betrifft, so halten neben einigen französischen, vor allem englische Begriffe hin und wieder Einzug in unseren Wortschatz.

Kein Wunder, denn neben der räumlichen Nähe zu Großbritannien machen sich die vielen kulturellen Einflüsse aus Nordamerika bemerkbar. Das ist übrigens keine Einbahnstraße… auch im Englischen finden sich beispielsweise etliche Wörter deutschen Ursprungs.

Sprache lebt und verändert sich…

In meinem Beitrag „Anglizismen – ja, nein, maybe?!“ habe ich Dir gezeigt, dass das alles gar nicht so schlimm ist und definitiv kein sprachlicher Weltuntergang bevorsteht. Es gibt genügend Beispiele für aus dem Englischen stammende Worte, die sinnvollerweise ihren Sprung ins Deutsche geschafft haben.

Allerdings kann man es natürlich auch übertreiben. Kritiker sprechen gerne vom Phänomen „Denglisch“, also von der übermäßigen Verwendung englischer Ausdrücke in der deutschen Sprache. Tja, und in solchen Fällen wird’s manchmal richtig peinlich!

Hurra, Scheinanglizismen!

Das gilt vor allem dann, wenn der englische Begriff im Deutschen eine völlig andere Bedeutung erhält oder dieser in der englischen Sprache gar nicht existiert. In der Sprachwissenschaft nennt man das Scheinanglizismus.

Bei Muttersprachlern führt dies oft zu unfreiwillig komischen Verständigungsproblemen, treffen diese erstmals auf eine solche Umdeutung oder Wortneuschöpfung.

Die Herkunft von Scheinanglizismen liegt meistens im Dunkeln:

Nicht selten entspringen sie erfolgreichen Werbekampagnen, deren Macher eingängige Schlagworte und Bezeichnungen suchten, aber entweder den englischen Ausdruck falsch verwendeten, nicht kannten oder schlicht der Ansicht waren, der gewählte Begriff sei für die angedachte Zielgruppe eingängiger.

Manchmal verbreitet sich ein neuer Begriff auch über reichweitenstarke Medien, die so – bewusst oder unbewusst – neben dem Meinungsbild ihrer eigenen Konsumenten ebenfalls unsere gemeinsame Sprache mitgestalten.

„Ein Dutzend Denglisch, bitte!“

Hier meine persönliche Hitliste der zwölf besten denglischen Scheinanglizismen – Benutzung auf eigene Gefahr! 😉

Bodybag

Im Deutschen verbinden wir mit der „Bodybag“ eine lässig über Brust und Rücken diagonal geschlungene Tasche. Bist Du (oder Deine Freundin) in der Stadt auch oft mit so einem modischen Teil unterwegs?

Im Englischen bezeichnet der Begriff „body bag“ ebenfalls eine Art von Tüte, jedoch definitiv keine, mit der (respektive in der) man gerne gesehen wird: Einen Leichensack!

Wer in London und New York stylish up-to-date sein möchte, trägt dort übrigens eine „messenger bag“. Das ist die richtige Übersetzung für das denglische „Bodybag“.

Public Viewing

Wo wir schon bei morbiden Begriffen sind, lass uns gleich mit einem zweiten weitermachen (und so die Überschrift dieses Beitrags erklären):

Fussball, Handball, Motorsport – kaum eine massentaugliche Sportart, bei der nicht zumindest die wichtigsten Wettkämpfe via Großleinwand live und in Farbe öffentlich vor großem Publikum gezeigt werden.

Für echte Fans gibt es nichts Schöneres als gemeinsam mit Gleichgesinnten jedes Tor lautstark zu bejubeln und Freudentänze aufzuführen. Spätestens seit der Fussball-WM 2006 ist „Public Viewing“ die neue Trendsportart aller deutschen Couchpotatos.

So ein Public Viewing eignet sich übrigens bestens dafür, im Nachgang die wichtigsten Szenen des Spiels noch einmal zu diskutieren, sozusagen jeden einzelnen Spielzug zu „sezieren“, sprich in seine Einzelteile zu zerlegen und zu untersuchen.

Ähnlich gehen Gerichtsmediziner bei unklarer Todesursache vor – und eine solche offizielle Obduktion heißt im Englischen ebenfalls „Public Viewing“. Oh!

Der korrekte Begriff für eine Liveübertragung von Sportereignissen oder kulturellen Veranstaltungen wäre übrigens „public screening“ oder „public watching“.

Handy

Wer heutzutage kein Smartphone sein Eigen nennt, gilt schnell als antiquierter Technikverweigerer. Klar, Handys sind praktische Alltagsbegleiter, managen Termine, sind Spielgerät und Arbeitscomputer im Taschenformat – und man kann sogar damit telefonieren. 😉

Natürlich ist der Begriff „Handy“ eine grandiose Wahl: Welcher Marketing-Experte sich das ausgedacht haben mag – ein großes Lob hat er (oder sie) auf jeden Fall verdient! Das Wort klingt freundlich, geht leicht von der Zunge, ist kurz und einprägsam.

Ein waschechter Engländer (oder Amerikaner, Australier, Neuseeländer, …) verbindet mit dem Adjektiv „handy“ etwas praktisches oder nützliches. Soweit passt das. Ein „handy man“ allerdings mag zwar ein Mobiltelefon besitzen, ist aber wörtlich genommen eigentlich nur eine meist handwerklich geschickte Person.

Das Mobiltelefon nennt sich im Englischen „mobile phone“, „cell(ular) phone“ oder „feature phone“. Und zum Smartphone sagen auch Engländer – stell Dir vor – „smartphone“.

Basecap

Wie Du vielleicht auf der Seite „Texter Tobi stellt sich vor!“ gesehen hast, bin ich ein großer Fan von Schirmmützen, auch bekannt als „Basecaps“. Genauer von Army Caps bzw. Castro Caps (das sind die mit der flachen Oberseite).

Im Englischen bezeichnet ein „basecap“ jedoch keine Kopfbedeckung, sondern eine Zierleiste, wie man sie auf manchen Küchen- oder Kleiderschränken findet (wir würden so etwas „Kranzleiste“ oder „Zierleiste“ nennen).

Im übertragenen Sinn könnte man allenfalls an das berühmt-berüchtigte „Brett vorm Kopf“ denken. Wobei… so betrachtet trage ich hin und wieder doch eine Basecap. 😉

Beamer

Großer Flachbild-TV oder Beamer mit Leinwand? Diese Frage stellt sich vielen, wenn es um die unterhaltungstechnische Ausstattung des heimischen Wohnzimmers geht.

Aber warum ausgerechnet „Beamer“? Klar, die Bezeichnung kommt schließlich vom Verb „beamen“ und das meint einen Lichtstrahl aussenden, etwas anstrahlen. Richtig? Jein!

Grundsätzlich stimmt das zwar, aber wer in den USA einen Beamer sucht, guckt als erstes in der Garage nach. Es handelt sich dort nämlich um den Slangausdruck für ein Fahrzeug des Herstellers BMW.

Der korrekte Begriff im Englischen für ein Gerät zur Projektion von Bewegtbildern ist schlicht „projector“. Und den gibt’s (mit k geschrieben) sogar im Deutschen.

Showmaster

Wenn Quasselstrippen Karriere machen wollen, dann steht ein Beruf ganz oben auf der Wunschliste: Showmaster! Als ambitionierter Selbstdarsteller muss es schließlich das Höchste sein, in einer „Show“ den „Master“ zu mimen.

Schade nur, dass dieser von anglophilen Fans seichter Fernsehunterhaltung erdachte Begriff im englischsprachigen Bereich nicht existiert. Dort bezeichnet man den Spaßvogel vom Dienst schlicht als „host“ oder „presenter“.

Da klingt unsere denglische Wortschöpfung irgendwie glamouröser, oder?

Streetworker

Ähem ja. Also hier solltest Du vor allem auf eine saubere Aussprache achten. Insbesonders, wenn Du selbst in diesem Beruf tätig bist und einem englischen Muttersprachler voller Stolz von Deiner Arbeit berichtest:

„Streetworker“ klingt verdächtig ähnlich zu „Streetwalker“ – und damit bezeichnet man umgangssprachlich einen Sexarbeiter (respektive Sexarbeiterin). Also eine Person, die „auf den Strich geht“, wie es im Deutschen heißt.

Jetzt stell Dir mal vor, Du schwärmst einem unwissenden Engländer vor, dass Du schon immer sehr sozial eingestellt warst und Deinen Beruf zum Hobby gemacht hast. So mancher dürfte Dich dann – zumindest kurzzeitig – mit anderen Augen sehen. 😉

Oldtimer

Nochmal zurück zum Thema Auto. Einen Oldtimer zu besitzen kann ein schönes, wenngleich zeitraubendes und kostenintensives Hobby sein.

Ein Oldtimer in der Garage? In den USA wäre das undenkbar und könnte sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Stichwort Freiheitsberaubung. Denn im Englischen verbindet man nämlich mit einem „oldtimer“ kein Auto, sondern eine ältere Person.

Ein Oldtimer läuft (respektive fährt) auf englischen Straßen eher unter der gängigeren Bezeichnung „classic car“ oder „vintage car“.

Smoking

Oper, Theater, Kinopremiere und roter Teppich – wer etwas auf sich hält, trägt zu offiziellen Anlässen passende Kleidung: Die Damen stürzen sich in ihre schillerndsten Abendroben, während die Herren von Welt eher zurückhaltender einen Smoking bevorzugen. Sprich, einen dunklen, eleganten Anzug mit Krawatte oder Fliege.

Nicht so in englischsprachigen Gegenden. Dort werden für formelle Kleidung die Begriffe „tuxedo“ oder „suit“ genutzt. Ein Smoking als elegantes Kleidungsstück ist gänzlich unbekannt. „Smoking“ steht hier ausschließlich für den Akt des Genusses von Tabak oder einer anderen Droge unter Feuer – oder weniger kompliziert: für „das Rauchen“.

Aber wie kam es überhaupt zu diesem Begriff?

Nun, der feine englische Herr zog sich früher nach dem Abendessen gerne einen saloppen „smoking suit“ oder ein gemütliches „smoking jacket“ über und ließ mit einem Glas Whisky und einer dicken Zigarre den Tag ausklingen. Durchaus denkbar, dass ein einfallsreicher Schneider den Begriff als Schnittmuster für seine eigene Wortschöpfung nutzte.

So ähnlich läuft das ja heutzutage abends bei vielen mit Jogginghose, Cola und einem Joint und einer Tüte Kartoffelchips. Wer weiß, ob man in ein paar Jahrzehnten nicht in Räuberzivil einer Aufführung von La Traviada lauscht. 😉

Mailbox

Wer kennt das nicht… da versucht man ganz dringend jemanden telefonisch zu erreichen, aber es meldet sich nur der Anrufbeantworter. Also hinterlässt man auf der „Mailbox“ eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf.

Solltest Du allerdings jemals einen englischen Muttersprachler bitten, seine Mailbox abzuhören, dürfte Dich dieser als einen Fall für den Psychiater halten. Wer legt schließlich sein Ohr auf den heimischen Briefkasten und erwartet von diesem eine Antwort!?

Vielmehr hört der englische Anrufbeantworter auf den Namen „voicemail“. Und das völlig zurecht, denn weder kannst Du in die digitale Mailbox Briefe werfen, noch ähnelt diese im entferntesten einer Schachtel.

Homeoffice

Eigentlich gar kein Scheinanglizismus, denn Muttersprachler können mit dem Wort vermutlich schon etwas anfangen. Zumindest in einem bekannten Kontext. Verwenden würden sie den Begriff jedoch nie.

Statt im „Homeoffice“ arbeitet man „remotely“ oder „from home“, auch der Ausdruck „remote working“ hat sich etabliert. Allerdings heißt das Heimbüro (also der Raum, in dem von zu Hause gearbeitet wird) „home office“.

„Home Office“ (beachte die Großschreibung, da Eigenname) ist in Großbritannien die offizielle Bezeichnung für das Innenministerium.

Hometrainer

Dieser schweißtreibende Begriff setzt sich zusammen aus „home“ (bedeutet „Zuhause“) und „trainer“ (meint „Übungsleiter“) und bezeichnet stationäre Sportgeräte für den Hausgebrauch wie Laufbänder, Ergometer oder Rudergeräte.

Meistens dauert es aber nicht lange und die vorgeblich zur körperlichen Ertüchtigung teuer angeschafften Hometrainer fristen ihr Dasein als Kleiderablage im Schlafzimmer oder stauben im Keller ein. Der innere Schweinehund gewinnt eben meist immer. 😉

So oder so haben englische Muttersprachler (samt Schweinehunde) etwas gemeinsam: In ihrem Wortschatz existiert der Begriff „hometrainer“ nicht. Überhaupt nicht. Nada. Der Traum eines jeden Sportmuffels also.

Wer sich in England ein Fitnessgerät anschaffen möchte, greift zum „exercise bycicle“ (Trainingsrad), der „rowing machine“ (Rudergerät) oder einer „treadmill“ (Laufband).

Mein Fazit

Manche englischen Begriffe verstehen eben nur die Deutschen. Isso.

Happy Denglisch! 🙂

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Über Tobias Eichner
Als kreativer Schreiberling macht es mir Spaß, aufs Punkt und Komma genau zu texten. Dieses Portal soll ein Nachschlagewerk und eine Anlaufstelle für alle sein, die sich näher mit der deutschen Sprache auseinandersetzen möchten.